Über die Faszination des nächtlichen Arbeitens, wenn alles um einen herum still wird.
TextTim Rüßmann
FotografieTim Rüßmann
Die Kaffeemaschine schnaubt, während die Tasse Tropfen für Tropfen gefüllt wird. Ich lehne an der Fensterbank in der Küche und beobachte die leere Straße. Vereinzelt huscht eine Person durch die Lichtkegel der Laternen – hell, dunkel, hell, dunkel. Die Pause tut mir gerade ganz gut. Zwei Seiten fehlen mir noch. Die Küchenuhr zeigt viertel vor drei, doch ihr Sekundenzeiger steht still. Die Batterien sind seit meinem Einzug leer, also weiß ich nicht, wie spät es wirklich ist – und vielleicht will ich das auch gar nicht wissen. Die Dunkelheit und die Stille erinnern mich daran, dass die anderen längst schlafen. Aus dem Zimmer meiner Mitbewohnerin kommt kein Ton mehr. Beste Zeit zum Arbeiten. Gerade schreibt es sich flüssig. Zwischen der Panik, nicht fertig zu werden, und der Hoffnung, mir sogar eine Pause erlauben zu dürfen, pendelt mein Gemütszustand. Zurück am Schreibtisch, konfrontiert mit der leeren Seite, beginnt die emotionale Achterbahn von vorn.
Die Stadt wird still und ich werde wach.
Ich bereue es, die Abgabe wieder zu später Stunde fertig zu stellen. Betrachtet man die vergangenen Jahre, zieht es sich wie ein roter Faden durch meine akademische Laufbahn. Ich schätze, siebzig Prozent meiner Bachelorarbeit habe ich ausschließlich nach 21 Uhr geschrieben. Schlussfolgernd müsste ich inzwischen viel mehr von einer bewussten Entscheidung als von einem unglücklichen Umstand sprechen. Selbstverständlich spielt Prokrastination eine große Rolle. Egal ob wissenschaftlicher Text oder kreatives Projekt – ich habe alles schon aufgeschoben. Wenn die Deadline näher rückt und die Panik größer wird, dann hat es auch nichts mehr mit »Diamanten entstehen unter Druck« zu tun, sondern lediglich mit der simplen Kopfrechnung wie viel Schlaf der menschliche Körper für den Weg in die Hochschule am Folgetag benötigt (Spoiler: offenbar keinen). Trotz alledem muss ich dennoch rückblickend zugeben, dass es sich abends und nachts besser arbeiten ließ. Studien zeigen, dass vor allem kreativ veranlagte Menschen zu später Stunde produktiver sind. Die Studie zeigt deutliche Unterschiede zwischen der Testgruppe der Kunststudierenden und der Kontrollgruppe der Managementstudierenden. Über die Hälfte der Kunststudierenden gab an, nach 22 Uhr kreativer zu sein. Die Wissenschaft unterscheidet dabei zwischen Lerchen, Kolibris und Eulen. Während Lerchen morgens ihr Hoch haben, laufen Eulen abends zur Bestform auf. Vielleicht erklärt das, warum mir die meisten Ideen erst gegen Abend kommen. Gut, das würde erklären, warum mir die meisten Ideen gegen Abend kommen. So viel zum wissenschaftlichen Kontext. Und auf persönlicher Ebene?
»Nachts ist man das, was man eigentlich sein soll; nicht das, was man geworden ist«
»Nachts ist man das, was man eigentlich sein soll; nicht das, was man geworden ist«, schreibt Erich Maria Remarque. Und auch wenn dieses Zitat auf den ersten Blick sehr theatralisch klingt, so würde ich Remarque im übertragenen Sinne doch zustimmen. Nachts erwartet niemand etwas von mir. Ich entkomme gesellschaftlichen Erwartungen und dem permanenten Druck des Tages. Irgendwann ab 22 Uhr, wenn langsam die Stille in der Stadt einkehrt, verstehen auch mein Kopf und mein Körper, dass es Zeit ist, um herunterzufahren. Die Kleinigkeiten des Alltags fallen weg und es fühlt sich ein wenig so an, als würde mein Verstand endlich zum Atmen kommen. Tagsüber fühlt sich Stille bedrohlich an, nachts hingegen selbstverständlich. Nicht umsonst platzt mein Spotify Wrapped jedes Jahr mit fast sechsstellig gehörten Minuten aus allen Nähten (und da sind Musikvideos auf YouTube und ehrenlose bass-boosted Soundcloud-Mixes nicht mal mit einberechnet). Aber sobald es dunkel wird, vergesse ich in manchen Momenten, dass ich seit 20 Minuten meine Kopfhörer trage, ohne dabei Musik zu hören. Lässt man Deadlines beiseite, verliert das Wort »müssen« in der Nacht seine Kraft. Lediglich mit meinen eigenen Erwartungen sollte ich fertig werden und die reichen mir bereits völlig aus. So ist über die Jahre hinweg die Nacht zu meiner Ausrede am Tag geworden. Ein Preis, den ich bereit bin zu zahlen. Am darauffolgenden Tag allerdings.
Im Endeffekt ist die Nacht wie ein Refugium für mich selbst.
Wovor sie mich jedoch nicht schützt, ist mein Wecker, denn ein ohrenbetäubendes Klingeln reißt mich jäh aus besagtem gedanklichem Schutzraum. Mein Wecker bimmelt mir über meine Kopfhörer basslastig ins Ohr. Das ist das Zeichen, dass ich meine Nachtschicht langsam beenden und schlafen gehen sollte. Sonst laufe ich Gefahr, dass ich es nicht pünktlich zum morgigen Kurs schaffe, und ein wenig Schlaf wäre gar keine so schlechte Idee. Meine Handyuhr zeigt tatsächlich Viertel vor drei. Hat meine Mitbewohnerin etwa inzwischen Batterien in die Küchenuhr getan? Egal, der Gedanke kann warten, der Text nicht, denn dieser muss bis morgen früh fertig werden – Ja, genau dieser Text, den du hier gerade liest. Was hast du anderes erwartet?!