Die alles konsumierende Maschinerie hinter dem Adobe-Monopol

Als die monatliche Abrechnung mich Karl Marx lesen lies

  • Text Lena Förster
  • Abbildungen Lena Förster

Ich gucke auf meine Banking-App, jedes Mal eine Überwindung. Ignorance ist manchmal bliss. Die Wohnungsmiete und auch mein Netflix-Abo wurden schon abgebucht. Ich atme auf. Aber wer kommt da aus seinem Versteck und zieht mir noch unangenehme 40 Euro ab? Ich schaue mich um und finde den Übeltäter. Adobe grinst mich an, mit seinem breiten Mund und den spitzen Zähnen, mit denen sich der Software-Gigant an meinem Konto verbissen hat. Ich blute langsam aus, das Rot verteilt sich auf meinem Wohnzimmerboden und kriecht in Richtung Bücherregal. Ich habe mein Schicksal schon akzeptiert, da fällt mir etwas ins Auge. Ein kleines, blutrotes Buch mit nur zwei Wörtern auf dem Cover. Wie ein Versprechen. »Das Kapital«.

Während man einfach nachlesen kann, wie Adobe nach und nach seine Konkurrenz gefressen und sich so zu diesem Monster entwickelt hat, ist die Struktur hinter diesem Vorgehen schwieriger zu entschlüsseln, aber wichtiger zu verstehen.

Kann man marxistische Theorien überhaupt auf das digitale Zeitalter beziehen? Als Marx 1867 »Das Kapital« veröffentlichte, war Facebook noch ein Fotoalbum und Apple eine Frucht. Sind seine Argumente also nicht völlig verstaubt und irrelevant in unserer postpostmodernen Welt? Das habe ich gedacht. Davor. Ich trage nun die rote Brille des Kommunismus und wurde bekehrt. Denn es ist erstaunlich, wie aktuell Marx’ Thesen wirklich sind.

 

Als ich mich zu Beginn meines Studiums über die 20 Euro im Monat für die CreativeCloud beschwert habe, meinte eine Bekannte zu mir: 

»Was soll’s? Müssen schließlich alle bezahlen und erwarten die Dozenten nicht eh InDesign-Dateien?«

Mittlerweile sind es knapp 40 Euro. Einfach, weil Adobe es kann. Es ist normalisiert. Diese Normalisierung kann man auch als eine Form von Warenfetischismus beschreiben. Die Beziehung zwischen Adobe und mir erscheint wie ein neutrales Verhältnis zwischen Kunde und Produkt. Dass es sich eigentlich um ein Machtverhältnis handelt zwischen denen, die die Produktionsmittel besitzen, und denen, die sie benutzen müssen, ist nicht so leicht sichtbar. Das Abo wirkt wie eine natürliche Gegebenheit. Auch durch die monopolähnliche Struktur sind diese räuberischen Abo-Modelle eine logische Konsequenz. Kein Gratiszugang für Studierende in Designfächern, kein einmaliger Kauf. Ständig höhere Monatsbeiträge ohne große Innovationen. Du wirst ausgesaugt von einem Kapitalismus-Vampir und hast das Gefühl, es hinnehmen zu müssen, weil es so einfach ist, sich auf der Creative Cloud auszuruhen.

Adobe ist schon lange kein einfaches, nützliches Zentrum für Design-Software mehr. Der Tech-Monopolist ist ein digitaler Vermieter, der jede Menge Häuser aufgekauft hat, weiß, wie dringend du die Wohnung brauchst, und diese Abhängigkeit ausnutzt, um die Miete zu erhöhen. Während Alternativen wie Affinity existieren, ist es schwierig und äußerst unbequem, seinen gesamten Workflow zu verändern, wenn man einmal in der Masche gefangen ist. Wer zieht schon gerne um, wenn man so viel zurücklassen muss? Die Creative Cloud kontrolliert die digitalen Produktionsmittel in der Design-Welt und formt mit ihrer Übermacht die heutigen Standards in diesem Bereich. Wie ein Professor zu mir sagte:

»Du kannst ruhig zu Affinity oder etwas Ähnlichem wechseln, aber arbeitest du später in einer Agentur, musst du InDesign und Co. draufhaben.«

Durch solche Aussagen wird Adobes Marktmacht indirekt verstärkt und als »Industry Standard« zementiert. Adobe ist dadurch nicht nur ein digitales, sondern auch ein intellektuelles Monopol. Diese Monopole beziehen ihre Macht aus der Kontrolle von geistigem Eigentum, Daten und technologischen Standards. Dadurch kann Adobe kontrollieren, wer Zugang zu den Produktionsmitteln hat und somit auch, wer in der Design-Welt arbeiten kann. In Marx’ Zeit waren die Produktionsmittel Fabriken und Maschinen, im 21. Jahrhundert sind es Software, Dateiformate und Plattformen. Adobe besitzt keine Ateliers, aber die digitalen Schlüssel zu ihnen. Wer gestalten will, muss hinein, und wer hineinwill, zahlt. 

Der Tech-Riese frisst nicht nur wie die Raupe Nimmersatt seine Konkurrenz, er dominiert strategische Sektoren und kontrolliert damit Informationen und Tools, die angeboten und von Nutzerinnen auch erwartet werden. Der Push in Richtung KI-Tools ist unübersehbar. Adobe zieht Daten seiner Nutzer und trainiert mit ihnen sein KI-Modell. Der Tech-Riese scannt Cloud-Dateien seiner Nutzer. Überwachung ist eine weitere Taktik digitaler Monopole, um Kontrolle zu behalten.

Adobe möchte nicht die bestmögliche Software für Kreative anbieten. 

Das Design-Monopol möchte seinen Reichtum erhöhen. Also steckt der Konzern seine Energie in die Vergrößerung seiner Marktmacht, um es Nutzerinnen so schwierig wie möglich zu machen, auf andere Plattformen zu wechseln. Durch dieses Vorgehen wird nicht Innovation vorangetrieben, sondern die Zentralisierung von Kapital. Dieser Prozess setzt sich fort, wenn Adobe, Google oder Meta kleinere Nebenbuhler verschlingen. Dadurch bleiben kaum Ausweichmöglichkeiten. Man wird abhängig von Tech-Giganten. Ist es nicht auch bequemer, in so einer Abhängigkeit zu leben, als ständig nach Alternativen zu suchen? Wie Eric Carter, ein Journalist der ebenfalls schon Adobes Machtposition kritisiert hat, schreibt: 

»Adobe is like digital Heroin.«

Marx beschreibt diesen Prozess als Akkumulation. Kapital wächst, um noch mehr Kapital zu werden. Wachstum ist in unserer kapitalistischen Welt kein Ziel, sondern Zwang. Genau deshalb werden Abos teurer, Alternativen aufgekauft und Wechsel komplizierter gemacht. 

»Akkumulation des Kapitals ist also Vermehrung des Proletariats.«

Kommen wir zu einer weiteren Facette von Marx’ Theorien. Er beschreibt den Mehrwert als unbezahlte Arbeit, die vom Kapital angeeignet wird. Im digitalen Kapitalismus verschiebt sich diese Arbeit. Sie findet nicht mehr nur im Büro oder im Atelier statt, sondern auch im Upload, im Klick, im Speichern. Unsere Entwürfe, unsere

Arbeitsprozesse und unsere Daten transformieren sich zur Ressource. Mit ihnen werden neue Produkte wie KI-Tools gespeist, die unsere Daten in halb verdauter und seelenloser Form wieder auf unsere Rechner ausspucken. Alles im Namen einer vermeintlichen Innovation. 

Egal ob Raupe oder hungriges Monster. Adobe konsumiert, verdaut und wächst, denn das ist essenziell, um im Kapitalismus zu den Gewinnern zu gehören. Die Lösung? 

Alle Abos kündigen! Auf die Barrikaden! Entfacht das Feuer der Revolution mit unseren MacBooks. 

Oder? Wir zahlen unser Abo weiter, exportieren brav als PDF und merken uns dabei, dass das kein Naturgesetz ist. Man kann mit Adobe arbeiten und es trotzdem kritisieren. Adobe verschwindet nicht, weil wir kündigen, aber seine Macht wird sichtbar, wenn wir verstehen, wie sehr kreative Arbeit von privaten Infrastrukturen abhängt. Die eigentliche Frage ist nicht, ob wir Photoshop oder InDesign benutzen, sondern wem die Bedingungen unserer Kreativität gehören.