Inside CXI

Bielefeld, das »Designzentrum« Europas – ein Interview mit Robert Paulmann

  • Text Suvi Dröge

Ein kleiner Raum in Frankfurt am Main, ein Design-Symposium, gespannte Aufmerksamkeit. Auf der Bühne präsentiert eine Agentur ihren Case. Applaus. Dann passiert etwas Ungewöhnliches: Der CEO des Unternehmens, um das es gerade ging, meldet sich aus dem Publikum zu Wort. Er ergänzt, widerspricht, erklärt. Erzählt, wie sich das Projekt aus Sicht des Unternehmens angefühlt hat. 

Offen, ehrlich, ungefiltert.


Robert Paulmann sitzt im Publikum und hört zu. In diesem Moment wird ihm klar: Genau das fehlt vielen Designkonferenzen. Die andere Perspektive. Der Blick hinter die Kulissen. Die Idee für die CXI ist geboren. In der Aula der Universität Mainz entsteht die erste CXI – klein, überschaubar, fast familiär. Von Anfang an steht fest: Hier soll nichts aus zweiter Hand erzählt werden. Studierende arbeiten aktiv mit und werden Teil des Konzepts. Die Idee spricht sich schnell herum. Die Mischung aus Design, Marke und ehrlichen Einblicken zieht immer mehr Professionals an. Aus rund 400 Besucher*innen werden schnell deutlich mehr. Robert Paulmanns Vision: Design und Marketing zusammenbringen. Menschen unterschiedlicher Disziplinen in den Dialog bringen. Design sichtbar machen – als Prozess, Haltung und strategisches Werkzeug. Studierende sollen verstehen, dass gutes Design weit über das Gestalten hinausgeht: Es geht um Kommunikation, Verantwortung und Zusammenarbeit.

Zwei Welten, zwei Sprachen.


2014 folgt der nächste Schritt: von Mainz nach Bielefeld. Mit Robert Paulmanns Wechsel an die Hochschule Bielefeld zieht auch die CXI um. Die Stadthalle bietet Raum für Wachstum, das Interesse steigt auf knapp 700 Besucher*innen. Doch schnell wird klar: Das Herzstück der CXI ist nicht nur das Programm, sondern das Dazwischen – Gespräche, Diskussionen, zufällige Begegnungen. Die Suche nach einer passenderen Location führt in den Ringlokschuppen Bielefeld. Von außen unscheinbar, innen voller Möglichkeiten. Der »Rilo« wird zur neuen Heimat der CXI und zur Bühne für intensives Networking. Die Besucher*innenzahlen steigen auf rund 1.000, das Publikum wird vielfältiger.


Dann kommt 2020. Die Konferenz ist geplant, die Tickets verkauft. Und plötzlich steht alles still. Corona. Absage. Auch 2021 fällt die CXI aus. Zwei Jahre Pause – ein harter Einschnitt für Team und Community. 2022 kehrt die CXI zurück – in Präsenz und bewusst ohne Livestream. Für Robert Paulmann ist klar: Diese Konferenz lebt vom persönlichen Kontakt, vom gemeinsamen Erleben und von Gesprächen, die online verloren gehen. Die Vorträge werden aufgezeichnet, aber erst später veröffentlicht. Wer die CXI erleben will, muss vor Ort sein. 2023 folgt der nächste Umzug. Da der Ringlokschuppen zum gewünschten Termin belegt ist, zieht die CXI in die Rudolf-Oetker-Halle – eine Location, die lange als »zu groß« galt. Zu Unrecht: Rund 1.400 Besucher*innen kommen. Die Oetkerhalle wird für einen Tag zum Zentrum der Designszene. Das weitläufige Gelände bietet ideale Bedingungen für Austausch und Networking. Eine Umfrage bestätigt: Die CXI bleibt hier.

Doch was macht die CXI inhaltlich so besonders?

Viele Agenturen und Brands bewerben sich mit ihren Cases. Die Auswahl treffen Robert Paulmann und sein Team selbst. Ihnen geht es nicht um Hochglanz-Präsentationen, sondern um Ehrlichkeit. Um Geschichten aus dem »Nähkästchen«. Um Einblicke in Prozesse, Entscheidungen, Fehler. Große Namen oder kleine Studios – egal. Entscheidend ist die Qualität und die Vielfalt der Projekte. Ein Thema verliert Paulmann dabei nie aus dem Blick: Den Gender Gap. Noch immer stehen in der Branche zu oft Männer im Vordergrund. Die CXI will das bewusst ändern. Frauen sollen sichtbar sein, gehört werden, auf die Bühne. Diese Haltung fließt direkt in die Programmauswahl ein – und führt auch dazu, dass manche Bewerbungen bewusst abgelehnt werden.

Und die Zukunft?

Die CXI darf wachsen – aber nicht um jeden Preis. Neue Formate wie Masterclasses entwickeln sich weiter, das Niveau bleibt hoch und erfährt an den richtigen Stellen gezielte Impulse. Vor allem aber hält die Konferenz an einem Anspruch fest: relevant zu sein. Für Studierende. Für Professionals. Für alle, die Gestaltung nicht nur sehen, sondern verstehen wollen.

  • Fotografie Thomas Dahm, Adrian Stein
  • Grafik Emma Liedtke