Lernen im Zwischenraum

Der große Vorteil des interdisziplinären Studiums

  • Text Marie von Hof
  • Abbildungen Marie von Hof

Einer der ersten Begriffe, an dem meine Augen hängen bleiben, als ich mich über das gestalterische Studium am Fachbereich informiere, ist »Interdisziplinarität«. Er schwirrt überall herum. Egal, wohin ich schaue, ist klar: Das Wort trägt an diesem Ort Bedeutung. Wirklich verstehen lässt es sich erst im Laufe, fast schon nebenbei. Der Begriff meint, dass Studierende aus unterschiedlichen Studienrichtungen (Kommunikationsdesign, Fotografie, Mode oder Digital Media) in gemeinsamen Kursen und Projekten zusammenarbeiten. 


Sie teilen Werkstätten, Räume, Aufgaben. Unterschiedliche Fachsprachen und Methoden begegnen sich im selben Raum. Plötzlich heißt Studium nicht mehr nur: in der eigenen Fachrichtung zu bleiben. Es heißt: sich untermengen, Übergänge suchen, einen Teig kneten. 

Viele Köche versalzen die Suppe? Mag sein. Oder sie verändern das Rezept.

Ich brauche einen Moment, um zu begreifen, was da eigentlich passiert, als ich mich in einem Raum wiederfinde mit Menschen aus verschiedenen Semestern und Richtungen. Auf dem Tisch liegen Fotodrucke. Jemand spricht über Komposition, ein anderer über Objekte und ihre Wirkung im Raum. Zwischen Laptops, Notizheften, Skizzen und Büchern wird der Kaffee langsam kalt. Und zwischen den Diskussionen passiert etwas Leises, fast unspektakulär: ein Perspektivwechsel. 

Ein Objekt lässt sich von allen Seiten betrachten. Unsere Art zu Arbeiten auch.

In Studienbeschreibungen klingt interdisziplinäres Arbeiten schnell nach einer Art unkomplizierter Steigerung, oder nach einem didaktischen Ideal. Mehr Input gleich mehr Austausch, gleich bessere Ergebnisse. Die Realität beginnt meist mit einem kleinen Kontrollverlust. Keinem dramatischen, er ist vergleichbar damit zu bemerken, dass in einem gewohnten Raum plötzlich jemand die Möbel umgestellt hat. Man erkennt alles wieder, aber es läuft anders.


Jede Disziplin bringt nicht nur eigene Themen mit, sondern auch ein eigenes Tempo und eigene Denkweisen. Probleme werden unterschiedlich gerahmt – als Form-, Material- oder Systemfrage. Manche Student*innen denken in Bildern, andere in Systemen. Sie nutzen verschiedene Werkzeuge, lassen sich anders beeinflussen und finden auf unterschiedlichen Wegen Zugang zu ihrer Arbeit: über das Material in der Hand oder vollständig digital. Diese individuellen Logiken treffen aufeinander und schaffen Raum für Reibung. Reibung sollte dabei nicht als Fehler verstanden werden. Sie ist Information, die sagt:

Hier sind Unterschiede anwesend.

Genau in diesen Unterschieden liegt die Stärke interdisziplinären Arbeitens. Nicht darin, alles zu können, sondern in der Reibung und den Grenzen, die sichtbar werden. Man merkt, wo das eigene Können aufhört und welche Gewohnheiten das eigene Arbeiten prägen. Reibung wird so zu einer Methode, sich selbst beim Denken zuzusehen – ein stiller Übersetzungsprozess, bei dem man beginnt, eine neue Sprache zu lernen.


Besonders sichtbar wird dieser Zwischenraum in einem Fotokurs des dritten Semesters. Studierende aus Kommunikationsdesign und Fotografie entwickeln gemeinsam ein Buchobjekt. Was in der Aufgabenstellung wie eine naheliegende Kombination erscheint, erweist sich in der Praxis als Herausforderung. Die Fotografie denkt in Serien, Motiven und Stimmungen, die Gestaltung in Sequenzen, Seitenfolgen und Rhythmen. Gerade darin zeigt sich, was interdisziplinäres Arbeiten bedeutet: Es funktioniert nicht automatisch, nur weil mehrere Disziplinen beteiligt sind. Entscheidend wird der Moment, in dem Entscheidungen so ineinandergreifen, dass sie nicht mehr getrennt getroffen werden können. Das Projekt wird nicht zur Summe seiner Teile, sondern zur Beziehung zwischen Entscheidungen.


Interdisziplinäres Arbeiten kostet Zeit. Begriffe müssen geklärt, Routinen hinterfragt und Unsicherheiten ausgehalten werden. Doch genau darin liegt sein Wert. Man lernt, mit Komplexität umzugehen, Entscheidungen zu begründen und die eigene Perspektive immer wieder neu zu hinterfragen.

Man lernt, dass Kritik nicht immer gegen etwas ist, sondern manchmal einfach aus anderen Sichtweisen heraus erfolgt.

Forschende der Yonsei University in Seoul beobachteten studentische Designteams im Labor-Setting. Besonders kreative Gruppen arbeiteten nicht schneller, sondern länger am Rand des Problems: Sie entwickelten verschiedene Deutungsrahmen, reframten die Ausgangsfrage und einigten sich erst danach auf einen gemeinsamen Frame. Vereinfacht gesagt: Sie verschoben die Frage, bevor sie die Antwort bauten.


Das zeigt: Interdisziplinäres Arbeiten führt nicht automatisch zu mehr Kreativität. Sie entsteht nur, wenn Perspektiven ineinandergreifen, statt parallel zu laufen. Eine Studie der Rotterdam School of Management (Erasmus-Universität) bestätigt das: Vielfalt allein reicht nicht. Erst wenn Teams aktiv Perspektivwechsel vollziehen, steigt die kreative Leistung – durch inhaltliche Auseinandersetzung, nicht bloßen Austausch. Die Reibung, die aus Projekten vertraut ist – Missverständnisse, unterschiedliche Tempi, unklare Kriterien – erscheint in der Forschung nicht als Störung, sondern als Lernbedingung. 


Am Ende kommt man oft wieder an denselben Punkt zurück: an einen Tisch, voll mit Spuren. Skizzen, Schnitte, Testdrucke, Screenshots, Notizen. Kein sauberes Narrativ, sondern ein Geflecht. Wer nur nach Effizienz sucht, sieht darin Chaos. Wer genauer hinschaut, erkennt etwas anderes: eine Lernform, die genau dort stattfindet, wo es nicht mehr bequem ist. Interdisziplinarität ist dann nicht mehr nur ein Begriff, den man auf einer Website liest. Sie ist eine Erfahrung. Ein Raum. Eine Bewegung.

Und vielleicht ist das der eigentliche Vorteil: Dass das Studium einen immer wieder in Situationen bringt, in denen der eigene Blick auf das scheinbare Chaos nicht ausreicht und man lernt, genau das nicht als Mangel zu verstehen, sondern als Anfang.