Ich weiß noch, dass das eine Sorge von mir war, bevor ich mit meinem Studium angefangen habe. Was, wenn ich außerhalb des Studiums gar nicht mehr kreativ sein möchte? Wenn ich keine Lust mehr aufs Zeichnen habe und sich mein Skizzenbuch ausschließlich mit Uni-Projekten füllt? Verliere ich dann etwas von mir? Das private Kreativ-Sein ist weniger geworden. Ich greife seltener zum Skizzenbuch, ich greife seltener zu meinem Farbkasten. Denn hier arbeitest du an einer Website, da an einem Magazin, dort an deinen Siebdruckmotiven usw.
Bei mir hat sich der Fokus meiner Kreativität stark auf das Studium verlagert, doch gleichzeitig habe ich auch vieles in mein Privatleben mitgenommen – die Grenzen sind etwas verschwommen. Sich in kreative Räume zu begeben, mindert nicht die eigene Kreativität, sondern stärkt sie. Sie verlagert sich zwar, trägt aber so viel zum eigenen Wachstum und zum eigenen Selbstbewusstsein bei. Die Perspektiven anderer zu hören, ist unfassbar wertvoll. Also ja, ich bin privat weniger kreativ, aber die Kreativität ist nicht weg – sie ist immer noch ein Teil meines Lebens.
Allerdings bin ich allein nicht repräsentativ für die Gesamtheit der Studierenden des Fachbereichs, weswegen ich eine höchst umfangreiche Studie gestartet habe, die acht Personen umfasst.
In den Fragen kommt oft die Formulierung »Kreativ-Sein« vor – doch was genau bedeutet das eigentlich? Für mich bedeutet Kreativität, etwas zu kreieren. Sei es eine Zeichnung, selbst gebastelte Dekorationen, Fotografien, Videos, Animationen, Nähen, Musik oder Schreiben … Gewissermaßen alles, bei dem man von einer Idee zu einer Umsetzung gelangt. Kreativität kann jedoch gestalterisch auch einen »Regelsatz« setzen, z. B. im Sinne eines Designsystems, das sich durch ein Heft oder ein Corporate Design zieht.
So ähnlich konnte ich das auch bei meinen Kommilitoninnen heraushören. Wenn ich fragte, ob und wie sie außerhalb des Studiums kreativ sind oder was sie vor dem Studium gemacht haben, lauteten die Antworten: Zeichnen, Poesie, Musizieren, Nähen, Fotoshootings mit Freundinnen, Arbeiten mit Holz, Schmuck basteln oder Töpfern.
Jedoch ist es bei dem Großteil der Befragten so, dass sie seit dem Studium in ihrer Freizeit weniger, seltener oder gar nicht mehr kreativ sind. Vielleicht wird zwischendurch die Kamera mitgenommen, viel mehr aber auch nicht. Aber warum eigentlich?
Zum einen antworteten Studierende, dass man einfach endlich bitte etwas anderes tun möchte, als kreativ zu sein. Etwas, das wirklich nichts mit dem Studium zu tun hat. Im Studienalltag setzt man sich ständig mit Design auseinander, man muss ständig etwas aufs Papier bringen. Früher war das Kreativ-Sein der Ausgleich, jetzt ist es allerdings zum Hauptbestandteil des Lebens geworden. Wenn man sich nun eine Pause nehmen möchte, ist das, was früher eine war, keine mehr.
Zum anderen berichteten meine Kommiliton*innen, dass sich die eigene Kreativität manchmal wie eine Ressource anfühle, die nicht verbraucht werden dürfe, sondern produktiv, also für das Studium, genutzt werden müsse.
»Ich weiß, dass es nicht stimmt, aber manchmal fühlt es sich so an, als sei das Kreativ-Sein eine endliche Ressource, die ich nicht für Freizeitprojekte verwenden darf.«
Ist die Prüfungsphase vorbei, fühle man sich, als müsse man den kreativen Akku zunächst wieder aufladen. Man müsse sich anderweitig beschäftigen. All das erklärt, warum einige der befragten Studierenden zu anderen Hobbys greifen, wie Sport oder Musik.
Die wenigsten Studierenden – eine von acht Personen – gestalten Projekte für andere in ihrem Privatleben. Sieben von acht Personen teilten mir mit, dass das nur selten vorkommt. Meist handelt es sich um einen Gefallen für Freundinnen, vielleicht mal ein Fotoshooting, mal ein Plakat. Jedoch teilen fast alle die Gemeinsamkeit, dass sie Geschenke für Freundinnen und Familie selbst gestalten.
»Ich mache sehr gerne was für andere und das ist das Einzige, was ich tatsächlich mache.«
Eine Erfahrung, von der mir einige berichten, ist, dass man seit dem Studium eine »Grafikdesign-Brille« aufgesetzt bekommen hat. Ich merke auch, wie ich Poster, Bücher oder Verpackungen betrachte und urteile, wie grottig die Typografie gesetzt wurde. Das erlernte Fachwissen bringt zum einen mit sich, dass Fehler herausstechen, die vorher nicht als solche wahrgenommen worden wären. Gleichzeitig erhält man ein besseres Verständnis für das Handwerk und reagiert mit mehr Faszination auf gute Gestaltung. Diese »Grafikdesign-Brille« war oft eine Antwort auf die Frage, ob man Inhalte o. Ä. aus dem Studium ins Privatleben überträgt.
Bereitet man Entwürfe für den Hochschulkontext vor, müssen ebenso Begründungen vorbereitet werden. Statt sich nur von der eigenen Intuition leiten zu lassen, folgen Uni-Projekte Seminarplänen und erfordern Recherche. Man nimmt Vorschläge von Lehrenden auf, die durchaus sehr hilfreich sein können, manchmal allerdings auch gar nicht (in manchen Fällen muss man den Lehrenden beweisen, dass das keine gute Idee war).
Von einer Mitstudentin wurde mir auch berichtet, dass sie außerhalb der Hochschule zwar nicht mehr kreativ ist, jedoch immer dann zum Skizzenbuch greift, Collagen erstellt oder andere neue Dinge ausprobiert, wenn es ihr nicht gut geht. Wie eine Art Tagebuch, ein Ventil, von dem man weiß, dass es einem hilft, wenn man es braucht. Einige sagen, dass es zwar vielleicht Zeiten gab, in denen sie gar nicht mehr kreativ waren, es aber bei allen ein Anliegen zu sein scheint, privat wieder mehr kreativ zu sein. Insbesondere bei dem Gedanken, wie viel ihnen das vor dem Studium gegeben hat.
Mache ich mir also mein Hobby kaputt, wenn ich Gestaltung studiere?
Vielen Studierenden fehlt leider oft die Energie, da man durch das Studium zwangsläufig ständig kreativ ist. Trotzdem ist es vielen ein Anliegen, sich diese Zeit wieder aktiv zu nehmen. Die Frage, ob das Studium einem das Hobby nimmt, kann ich weder mit einem klaren Ja noch mit einem Nein beantworten. Denn ja, man ist weniger kreativ, jedoch wird einem nichts von der eigenen Identität genommen. Kreativität, die privat ausgeübt wird, unterscheidet sich deutlich von den Uni-Projekten. Neue Bereiche werden erkundet und andere fallen vielleicht weg. Jedoch denke ich, dass das normal ist. Man muss sich immer aktiv daran erinnern, sich die Zeit für Kreativität zu nehmen. Was für mich und auch für meine Kommiliton*innen wichtig ist, ist der Kontrast zum Studium. Ich kann nicht genau wissen, was gewesen wäre, hätte ich mich für ein anderes Studium entschieden. Ich kann nur sagen, dass ich meine Studienwahl nicht bereue. Denn ich glaube, in anderen Berufen würde mir eben genau dieser kreative Teil fehlen. Ich hätte ebenso Sorge, dass ich etwas von mir verliere und mir etwas fehlt, weil ich nicht die Zeit finde, kreativ zu sein.