Illustrationen aus dem Seminar „Die Welt ist ein Zirkus“ (Nils Hoff, WS 25)
Und was, wenn alle merken, dass ich gar nichts kann?
Die anderen wirken so selbstsicher – ich dagegen frage mich ständig, ob ich überhaupt hierher gehöre.
AbbildungenNina Vodegel
TextNina Vodegel
»Was hast du dir eigentlich dabei gedacht?«, frage ich mich. Ich sitze an einem Tisch und muss schreiben. 10.000 Zeichen. 10.000! Eigentlich würden mir die folgenden 34 vollkommen reichen: ich kann das doch alles gar nicht! Denn genau dieser Gedanke ist es – natürlich – der es sich gerade mal wieder in meinem Kopf gemütlich macht.
Hallo Angst, da bist du wieder! Hallo Zweifel, auch schon da? Kommt doch rein, ich lad’ euch ein, ein bisschen bei mir zu sein. Erzählt mir was – ich hör euch zu. Ein bisschen Déjà-vu.
Das hier ist nicht nur mein kleiner persönlicher Abgrund. Dieses Gefühl, sowieso nicht gut genug zu sein oder gleich aufzufliegen, obwohl objektiv alles ok sein müsste, das kennen deutlich mehr Menschen, als man denkt. Vor allem vielleicht die Kreativen, die ständig etwas Neues erschaffen sollen und dabei so tun, als hätten sie alles im Griff. Es gibt sogar eine Bezeichnung dafür: Imposter-Syndrom. Klingt dramatisch – fühlt sich oft auch so an.
Doch das psychologisch auseinander zu nehmen, das haben schon genug andere getan. Wir bleiben beim Gefühl. Bei diesem Moment, in dem du kleine oder große Erfolge hast, aber innerlich überzeugt bist, dass sie nicht wirklich zu dir gehören: Zufall, Glück, eine nette Dozentin, die dir einen Punkt geschenkt hat. Und die Angst – oder manchmal auch die stille Hoffnung, dass irgendwann jemand merkt: »Ups, die kann das ja gar nicht.«
Verdacht auf akute Selbstzweifel.
Ängste und Unsicherheiten im Kontext Gestaltung? Meiner Erfahrung nach: viele. Im Gestaltungsstudium scheinen sich die Selbstzweifel wie anderswo der Staub in den Ecken zu verstecken. Nicht unbedingt immer auf den ersten Blick sichtbar – aber da. Und leider lassen sie sich nicht mit dem Swiffer wegwischen.
Ich denke bei jeder neuen Arbeit, meine Ideen sind zu banal. Manchmal fange ich auch schon viel grundlegender an und glaube, mein Studienplatz wurde verwechselt. Ich frage mich, warum meine Kommiliton*innen scheinbar mühelos ihre Konzepte formulieren und Skizzen aufs Papier schleudern, während ich an einem Entwurf kaue wie auf einem trockenen Brötchen. Ich fürchte, dass meine Zeichnungen aussehen wie eine absurde Geheimsprache. Und dass die Dozierenden irgendwann die Augenbrauen heben und denken: »Ach du meine Güte – wie konnte DIE hier reinrutschen?«
Gestaltung ist gnadenlos sichtbar. Andere können Hausarbeiten schreiben und niemand sieht ihre drei schlechtesten Versionen. Wir dagegen hängen sie an die Wand. Und manchmal passiert Folgendes: Jemand lobt dich. LOBT! Und du denkst sofort: Hä? Echt? Achso, ok. Mitleid. Oder maximal Sympathie. Damit du nicht anfängst zu heulen. Damit du nicht nervst. Damit du ruhig bist, bis sie dich dann doch irgendwann entlarven. Wann kommt denn endlich jemand und sagt: Wir haben uns geirrt – du gehörst hier gar nicht hin. Aus Versehen im falschen E-Mail-Verteiler gelandet. Mappe? Eignungsprüfung? Eigentlich durchgefallen. Ein Irrtum.
Erstes Jahr, zweites Jahr – wann fliege ich endlich auf?
Ich studiere Gestaltung. Kommunikationsdesign. KD. Als ich angenommen wurde, dachte ich: Die haben sich bestimmt vertan – und zeige einem Freund die Mail, damit er mal guckt, ob ich was falsch verstanden habe. Als er sagt: »Glückwunsch, das passt«, denke ich: Ok, dann bestimmt, weil ich noch für die Statistik gebraucht wurde (eine, die auf keinen Fall den Abschluss schafft).
Doch das erste Jahr lief erstaunlich gut. So gut, dass es mich selbst irritiert hat. Aus Versehen bestanden. Aber in meinem Kopf fühlt es sich weniger wie Können an und mehr wie ein Ausrutscher – einer, der sich spätestens jetzt, im zweiten Jahr, von selbst korrigiert. Und ja – nun sitze ich vor neuen Aufgaben und denke nüchtern: Das kann ich nicht. Punkt. Und gleichzeitig: Ich kann halt wirklich nichts. Woher soll ich all die Skills haben? Ich versuche es aber trotzdem. Manchmal voller Euphorie. Dann den Tränen nahe oder bereits in ihnen versinkend. Es ist diese Mischung aus resignierter Ehrlichkeit (»Bitte entlarvt mich, dann muss ich nichts beweisen«) und trotziger Beharrlichkeit (»Ich mache es einfach trotzdem«). Ein absurdes Hin und Her, das fast schon komisch wäre, wenn es nicht so verdammt real in mir stattfinden würde.
Und irgendwo zwischen »war bestimmt Zufall« und »naja vielleicht klappt es doch« taucht er wieder auf: der Gedanke, der mich immer begleitet. Nicht dieses klassische »hoffentlich merkt niemand was«. Im Gegenteil. Ich frage mich eher: Wann fliege ich endlich auf? Wann merkt jemand, dass ich eigentlich gar nichts kann?
Doch woher all die Zweifel?
Zweifel wachsen zum einen vermutlich aus Unsicherheit. Man wird bewertet. Aber es gibt nie ein Richtig oder Falsch. Das ist irgendwie super. Aber auch eine Herausforderung. Ein und dieselbe Arbeit kann großartig, zu laut, zu leise oder misslungen genannt werden – je nach Vorliebe, Tagesform oder Blickwinkel der Feedback gebenden Person.
Der Klassiker, der einen ins Grübeln bringt, sind natürlich Vergleiche. Alle scheinen besser, schneller, kreativer, tiefer, konzeptueller zu sein. Was man dabei gerne vergisst, sind die Nächte, in denen auch die anderen vor leeren Seiten saßen.
Dann wäre da der Leistungsdruck (oft intrinsischer Natur). Kreativität auf Knopfdruck funktioniert selten. Doch das Studium (und der eigene Anspruch) verlangen: immer so arbeiten, dass du morgen (irgendwas Geniales) abgeben könntest. Das ist schon ganz schön stressig. Und Stress verstärkt Unsicherheit. Folglich? Genau! Mehr Zweifel.
Außerdem geht es ums Abliefern. Alles aus dem Kopf auf den Tisch. Jede Idee, jeder Strich. Das fühlt sich persönlicher an, als ich mir den In- und Output im BWL-Studium vorstelle. The pressure is on. Alle sehen mein Gehirn. Sieht’s ok aus da drin?
Stillstand schlägt das Gehen?
Nun stellt sich die Frage: Was macht dieses ganze innere Auf und Ab mit mir? Was macht dieses Studium mit mir? Error 404? Abbruch als logische Konsequenz? Welches sind die Folgen meines Gedankenkarussells? Natürlich gibt es die Negativen: Nie ist etwas gut genug. Nie bin ich es.
Vielleicht ist Perfektionismus aber nicht immer das Problem. Eher die Lähmung – das Einfrieren zwischen Anspruch und Realität. Der Moment, in dem das Ganze nicht in leidenschaftlich durchtypografierte Nächte führt, sondern festhält wie ein unsichtbarer Gurt.
Perfektion – Fluch oder Segen? Treibst mich voran, lässt mich stehen. Perfektion. Mehr Fluch denn Segen. Stillstand schlägt das Gehen.
Projekte, die zu spät oder erst gar nicht begonnen werden, weil anzufangen schon zu Erstarrung führt. Ein Kopf, der sagt: »Lieber nicht versuchen, wird sowieso niemanden vom Hocker hauen.«
Aber – und das überrascht manche vielleicht – es gibt auch positive Effekte. Selbstzweifel machen gründlich. Sie machen dich wach. Sie verhindern Arroganz. Sie lassen uns länger schauen, besser zuhören. Wer zweifelt, hinterfragt. Und wer viel hinterfragt, reflektiert oft viel. Und will die Dinge verstehen. Das kann pushen. Selbstzweifel können zerstörerisch sein, aber sie können auch ein Antrieb sein. Man darf sich von ihnen nur nicht fesseln lassen.
Illustrationen aus dem Seminar „Die Welt ist ein Zirkus“ (Nils Hoff, WS 25)
Wie weitergehen?
Um weiterzukommen, hilft es, die Gedanken erst einmal anzunehmen und zu benennen: Hallo Angst. Hallo Zweifel. Setzt euch. Ihr dürft da sein, aber ihr entscheidet nicht. Außerdem habe ich gelernt: Besser klein anfangen als gar nicht! Ein Satz. Ein Strich. Eine erste Idee. Und dann: den Prozess anschauen – Skizzen, Zwischenstände, Fehler. Man merkt – niemand beginnt mir dem großen Design. Zuerst einmal Chaos ist ok. Macht sogar Spaß. Über Unfertiges und Unsicherheiten mit Kommiliton*innen und Dozent*innen sprechen und Ideen teilen, hilft immer weiter. Manchmal nicht sofort und oft nur kurzfristig, aber irgendwas wächst früher oder später eigentlich doch daraus. Und der Mut, sich zu zeigen, wird belohnt. Vermutlich bin ich sowieso sichtbar (und irgendwie wollen wir das doch auch alle sein – oder?), warum dann nicht einfach zeigen, was gerade da und echt ist?
Ich hab Angst im Hellen, weil ich dann so sichtbar bin. Hab Angst vorm Spiegel und vor der Welt. Angst vorm Fallen, frag mich, was mich dann hält. Ich hab Angst vor der Nacht, weil sie dann kommen, all die Stimmen. In mir drin und auf mir drauf und durch mich durch. All die Stimmen dieser Welt. Ich hab Angst was mich hält, wenn ich falle und falle und falle, wenn ich aus dem Dunklen falle und lande im Licht – geblendet und mich frage, wer ich bin und was ich will und keine Luft bekomme und trotzdem bin.
Überraschung am Schreibtisch.
Und plötzlich sitze ich immer noch hier. An einem Tisch. Mit einem Text, der länger ist, als ich dachte. Vielleicht nicht perfekt. Vielleicht ein bisschen chaotisch. Aber er ist da. Mit Gedanken, die ich eigentlich gar nicht schreiben wollte und bei denen ich mich bereits frage, ob die so wohl in Ordnung formuliert sind oder besser verbrannt gehören. Mit Zweifeln, die jetzt wenigstens irgendwo stehen und nicht nur in meinem Kopf wohnen. Und mit der Überlegung: Vielleicht sind alle anderen – vielleicht seid ihr – im Inneren auch gar nicht so cool und gelassen, wie es von außen oft scheint. Alles Fassade. Vielleicht geht es uns allen ein bisschen ähnlich. Und vielleicht sind es genau diese offenen Zweifel, aus denen persönliches inneres Wachstum entsteht.