Ehemalige Fotostudierende über ihren Weg, ihr Studium und das Danach
FotografieHelena Gaul, Archiv
TextHelena Gaul
Andreas Frank und Katharina Bosse studierten Ende der 1980er- und Anfang der 1990er-Jahre Fotografie an der damaligen »FH Bielefeld«. Der Studiengang hieß damals »Visuelle Kommunikation mit Schwerpunkt Fotografie« und schloss mit dem Abschluss Diplom-Designer (FH) ab. Heute blicken beide auf ihre Studienzeit zurück und erzählen, wie sich ihr beruflicher Weg und ihr Leben nach dem Studium entwickelten – und wie sie die Fotografie heute sehen: geprägt von nächtelanger Arbeit im Labor, von strukturellen Ungleichheiten und der ständigen Unsicherheit eines freien Berufs, aber auch von einer großen Leidenschaft für das eigene Schaffen, die letztlich über allen Widrigkeiten stand.
An der HSBI Bielefeld existierten zu dieser Zeit zwei deutlich erkennbare Ausrichtungen. Neben der Werbefotografie, in der sich vergleichsweise gutes Geld verdienen ließ, war der eigentliche Anziehungspunkt der Hochschule der Bildjournalismus. Der soziale Bezug, also nah am Menschen zu arbeiten und gesellschaftlich relevante Themen zu behandeln, war zentral und prägend – eine Haltung, die viele Studierende mit in ihr späteres Berufsleben nahmen.
Ein wesentliches Merkmal des Studiums war der große Freiraum. Katharina Bosse – heute Professorin für Fotografie an der HSBI – erklärt:
»Aus heutiger Perspektive ist das vielleicht selbstverständlich, aber es gab an vielen Hochschulen extreme Kämpfe darüber, was man durfte und was nicht«.
Bielefeld sei dagegen ein sehr freier Ort gewesen, mit flachen Hierarchien und engem persönlichem Austausch. »Wir waren eine Hochschule für angewandte Wissenschaft, die sich aber eigentlich wie eine Kunstakademie anfühlt.« Vieles von dem, was damals außergewöhnlich war, sei heute an vielen Hochschulen Alltag. Andreas Frank erinnert sich:
»Der meiste Austausch ist wirklich im Labor passiert«.
Dort wurden viele Nächte verbracht, die Plätze waren umkämpft, und oft entwickelte man bis spät in die Nacht. Nach dem einen oder anderen Bier um zwei Uhr morgens kam es durchaus vor, dass jemand einfach einschlief. Das Labor war nicht nur Arbeitsplatz, sondern Treffpunkt, Diskussionsraum und Lernort zugleich.
Katharina Bosse begann ihr Studium mit einem klaren Ziel: Sie wollte Bildjournalistin werden, von ihrer Arbeit leben und langfristig eine Familie ernähren können. Mit dieser Haltung war sie in Bielefeld nicht allein. Gleichzeitig war die fotografische Szene stark männlich geprägt. Die meisten Studierenden, Lehrenden und Entscheider in Redaktionen waren Männer. Das führte zu strukturellen Benachteiligungen, die sie bereits im Studium erlebte – vom pauschalen Durchfallen bis zur systematischen Abwertung ihrer Arbeiten.
»Ich war super fleißig, ich hab' alles nur mit Fleiß gelöst«, sagt sie rückblickend. Wenn Kurse nicht bestanden wurden, belegte sie sie erneut. Wenn Arbeiten nicht anerkannt wurden, machte sie neue. Dennoch blieben nach dem Studium zunächst Aufträge aus. »Ich hab' drei Jahre gebraucht, um meinen ersten Auftrag zu kriegen.« In dieser Zeit stellte sie sich immer wieder bei Magazinen vor – ohne Erfolg. Ein Stipendium ermöglichte ihr schließlich einen halbjährigen Aufenthalt in den USA. Dort arbeitete sie als Fotolaborantin unter anderem für Joel Sternfeld und Annie Leibovitz und erhielt Einblicke in den professionellen Alltag künstlerischer Fotografie.
»Man kann das nicht unterrichten, man muss es miterleben.«
Nach ihrer Rückkehr nach Deutschland änderte sich die Situation, als beim ZEITmagazin die Art Directorin wechselte und erstmals eine Frau diese Position übernahm. Zum ersten Mal hatte sie das Gefühl, mit ihrer Arbeit wirklich wahrgenommen zu werden. »Das war dann meine erste Auftraggeberin.« Auch weitere frühe Unterstützerinnen waren Frauen. Mit diesen Aufträgen konnte sie zeigen, dass sie unter realen Produktionsbedingungen zuverlässig arbeitete. Danach verbesserte sich ihre Auftragslage deutlich; zeitweise war sie »total ausgebucht«.
Der Wunsch, nach New York zu gehen, führte sie schließlich in die USA. Dort warteten erneut große Herausforderungen. Man war dort »wie ein Sandkorn am Meer«, umgeben von hoch motivierter Konkurrenz. Im ersten Jahr hatte sie erhebliche finanzielle Schwierigkeiten; einige Kunden zahlten nicht, vorgestreckte Kosten blieben offen. »Das kannte ich aus Deutschland gar nicht.« Auch die Wohnungssuche war schwierig, da sie keine Credit History vorweisen konnte. Wie schon zuvor baute sie sich in der neuen Wohnung erst einmal ein eigenes Labor auf, um fotografieren zu können.
»Ich habe in meinem Leben sieben oder acht Labore gebaut.«
Nach einer Auszeichnung als Nachwuchsfotografin konnte sie schließlich auch in New York von ihrer Arbeit leben. Es folgten Ausstellungen, Bildverkäufe und Aufträge für renommierte Magazine.
»Alles, was ich mir jemals gewünscht hab’, plus Dinge, von denen ich nie geträumt hätte.«
Gleichzeitig arbeitete sie nahezu ununterbrochen. Acht Jahre lang machte sie keinen Urlaub. Der Druck, jederzeit ersetzbar zu sein, begleitete jeden Auftrag.
Eine Familiengründung ließ sich mit diesem Lebensstil kaum vereinbaren. Sie bewarb sich auf eine Professur in Bielefeld. »Das war die härteste Entscheidung meines Lebens«, sagt sie über den Abschied von New York. Dennoch nahm sie die Stelle an und kehrte 2003 nach Deutschland zurück. Kurz darauf bekam sie zwei Kinder, war bald alleinerziehend und unterrichtete mangels Betreuungsmöglichkeiten »mit Baby auf dem Schoß«.
Der Freiraum, den sie selbst im Studium erlebt hatte, ist ihr bis heute in der Lehre besonders wichtig: »Für mich ist das primäre Ziel, dass ihr untereinander ins Gespräch kommt.« Lehre versteht sie als gemeinschaftlichen Prozess, nicht als hierarchische Wissensvermittlung.
Auch in Andreas Franks Fotografien spielten Menschen immer eine zentrale Rolle. Er begann mit der Porträtfotografie, verlagerte seinen Schwerpunkt später jedoch auf die Mode- und Sportfotografie. »Das waren dann die ersten zehn Jahre in meinem Berufsleben.« Die Faszination für Gesichter stand für ihn stets im Vordergrund; Kleidung musste sich ins Gesamtbild einfügen. Entscheidend war immer, was ihn selbst bewegte.
Über Jahre baute er sich einen großen Kundenstamm auf, darunter langjährige Auftraggeber wie der Stern, s.Oliver und SportScheck. Immer wenn es bei seinen Kunden Veränderungen gab oder Unternehmen insolvent gingen, waren plötzlich »80 Prozent meiner Aufträge weg«. Für ihn war das das Signal, sich zu verändern. Er wartete nicht ab, sondern arbeitete an freien Projekten und seiner Mappe. »Und dann kam es auch wieder.«
Dennoch blieb die Unsicherheit. Teilweise kam »ein halbes Jahr am Stück kein einziger Anruf. Noch nicht einmal eine Anfrage, aus der nichts geworden ist, sondern einfach nichts«, erinnert sich seine Frau Parwin. Auch nach vielen Jahren Berufserfahrung blieb das Gefühl, nie zu wissen, ob es der letzte Job gewesen war.
Angst vor dem Einstieg ins Berufsleben hatte während des Studiums dennoch kaum jemand. »Wir haben uns diese Frage nie gestellt. Nie«, sagt Andreas. Neben seiner Tätigkeit als Fotograf unterrichtete er später mehrere Jahre Fotografie im Bereich User Experience Design und stellte sich zunehmend die Frage, was Studierenden angesichts technischer Entwicklungen mitzugeben sei. Immer mit dem Gefühl:
»Die KI holt euch schneller ein, als ihr fertig studiert.«
Er selbst fotografierte zunächst analog mit Kleinbild-, Mittel- und Großformatkameras. Als die digitale Fotografie aufkam, zeigte er früh Interesse: »Ich hab' wirklich die komplette digitale Pubertät mitgemacht.« Anfangs experimentierte er mit schwerem technischem Equipment. Gerade diese frühen Versuche empfand er als spannend, weil sie neue Bildmöglichkeiten eröffneten. Vieles, was heute mit wenigen Klicks möglich ist, war im analogen Labor extrem aufwendig oder gar unmöglich.
Diese Offenheit für technische Neuerungen ist geblieben. Wie zuvor bei der digitalen Fotografie beschäftigte er sich auch früh mit KI, nutzt sie punktuell zur Bildoptimierung, zieht für sich jedoch klare Grenzen. Die Zeit vor Bildschirmen möchte er bewusst reduzieren. »Ich merk', dass ich nicht mehr länger als drei oder vier Stunden am Rechner sitzen will.« Früher habe er problemlos 15 Stunden im Labor gearbeitet, heute müsse er nach kurzer Zeit wieder etwas mit den Händen machen.
Mit zunehmendem Alter verlagerte er seinen Schwerpunkt auf die Event- und Extremsportfotografie. Heute fotografiert er häufig Läufe in den Alpen. Diese Entscheidung traf er bewusst – aus einer Aversion gegenüber langen Bildschirmzeiten und dem Wunsch heraus, körperlich aktiv zu bleiben.
»Ich bin teilweise 30 bis 40 Stunden ohne Schlaf mit Kamera unterwegs.«
Finanzielle Einbußen nimmt er dafür in Kauf.
»Ich glaub', dass Fotografie ein gewisses Nischendasein bekommt«, sagt Andreas über die zukünftige Entwicklung der Fotografie. Dort, wo es um Menschen, Persönlichkeit und Vertrauen gehe, werde sie bleiben. In anderen Bereichen, etwa der Werbung, sehe er diese Zukunft weniger. Vor diesem Hintergrund formuliert er den Wunsch nach einer neuen fotografischen Glaubwürdigkeit. »Ich glaube, wenn ich heute Fotografie machen würde, würde ich so etwas, was Magnum früher war, ins Leben rufen.« Bilder, die für sich beanspruchen, zu hundert Prozent vertrauenswürdig zu sein.
Trotz aller Reflexionen fotografiert er weiterhin mit großer Leidenschaft. Sobald er die Kamera in die Hand nimmt, spürt er noch immer diesen Jagdinstinkt. Gleichzeitig bemerkt er, dass er immer häufiger denkt: »Das musst du nicht mehr fotografieren, weil es schon eine Million Mal fotografiert worden ist.« In diesem Moment werde ihm bewusst, dass sich nicht nur die Fotografie, sondern auch er selbst verändert hat.
Seit der Studienzeit von Katharina Bosse und Andreas Frank hat sich die Fotografie grundlegend verändert. Labore sind verschwunden, Frauen sind heute deutlich sichtbarer vertreten und technische Möglichkeiten haben sich vervielfacht. Geblieben ist der stetige Wandel – und die Frage, wie man ihm begegnet. Antworten darauf zeigen sich, damals wie heute, oft erst im Rückblick.